Liebe Abiturienten/innen,
sehr geehrte Damen und Herren,
„Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern mitbekommen:
Wurzeln und Flügel!“
Johann Wolfgang von Goethe soll diesen Satz geprägt haben; beim Nachschlagen im Internet habe ich gelesen, er stamme aus Indien.
Wie auch immer – abgesichert durch die Autorität Goethes und die universale Geltung bis nach Indien möchte ich ihn gerne in Anspruch nehmen für die Aufgabe der Lehrer/innen in der Schule:
„Zwei Dinge sollten wir Lehrer unseren Schülern also mitgeben:
Wurzeln und Flügel!“
Über Ihre Wurzeln werden Sie, meine Abiturienten/innen, im Alter von 19, 20 Jahren bisher wohl eher selten nachgedacht haben:
Wie Sie verwurzelt sind in Ihrer Familie, bei Verwandten, Nachbarn und Freunden, in Ihrer Clique, im Sportverein, in der Kirche, im Wohnumfeld des Dorfes oder der Stadt;
Verwurzelt in den vielfältigen sozialen Erfahrungen und in der Erinnerung an die Lebenswelt der Schule, an Lehrer und Schüler, an Klausuren und Hitzefrei, an die kleinen Fünfer und an die großen Abifeten, an Uschis Imbiss und an Drägers Vertretungsplan;
Verwurzelt aber auch in der gemeinsamen Erfahrung
des Lernens, in Diskussionen und Stillarbeit, in Mathe, Musik, Sport,
Naturwissenschaften, Sprachen und Religion, in allen Fächern, die von
verschiedensten Ansätzen her versucht haben, Ihnen die Welt zu erklären, damit
Sie sich dort zurecht finden und heimisch werden.
Wenn Sie über diese Dinge nachdenken, werden Sie bald feststellen, dass auch
Sie – vielleicht ohne dass es Ihnen bewusst war- vielfältige Wurzeln haben,
dass Sie ein Mosaik unterschiedlichster Erfahrungen mit sich tragen, dass Sie
seit 19, 20 Jahren nicht nur ein räumliches Zuhause, sondern auch eine ganz
selbstverständliche geistige Heimat haben.
„Heimat ist für mich da, wo man sich nicht erklären muss“, sagt Louise Jacobs,
eine Enkelin des Bremer Kaffeerösters Walter Jacobs. In der Schweiz geboren, mehrsprachig erzogen, zwei Jahre Internat an der Ostküste der USA, berufliche Anfänge in Berlin – da wird die 22jährige eines Tages von ihrem Freund gefragt:
„Sag mal, hast du eigentlich spanische Vorfahren?“
„Was?“, rief ich, „Spanien? Wir sind ein norddeutsches Bauerngeschlecht.“ „Du hast mit Sicherheit spanische Vorfahren.“
Wie konnte es sein, dass ich mit 22 Jahren nicht wusste, woher ich kam? Ich fühlte mich nicht zum ersten Mal in meinem Leben verloren, doch diesmal wusste ich endlich warum. Seine Beharrlichkeit und meine unbehagliche Ahnung von fremden Ursprüngen veranlassten mich zum ersten Mal in meinem Leben, meine Mutter danach zu fragen.“ (S. 10)
Und dann beschreibt die 24jährige Louise Jacobs in ihrem Buch „Cafe Heimat“, was sie in zweijähriger Recherche herausgefunden hat über das Leben ihrer Vorfahren im ländlichen Borgfeld bei Bremen, über die jüdischen Ahnen ihrer Mutter in Spanien, über die Zeit des Nationalsozialismus und über die Emigration nach Südamerika und in die USA und über den wirtschaftlichen Aufstieg der bremischen Kaufmannsfamilie im 20. Jahrhundert.
Interessant scheint mir dabei, dass Louise Jacobs die Beschäftigung mit den eigenen Vorfahren und der abwechslungsreichen Geschichte ihrer Familie nicht als nostalgisches Verweilen in der Vergangenheit sieht oder als eine kuschelige Nische, in der man sich an der guten alten Zeit berauschen kann:
„Wenn ich heute an meine Familie denke“, sagt sie gegen Ende des Buches, „dann denke ich an meine Vorfahren. Ich verbinde Familie mit Tradition und mit dem Gedanken, dass Tradition nicht die Anbetung der Asche ist, sondern die Weitergabe des Feuers.“ (S.374)
Der bekannte Filmregisseur Edgar Reitz – einige von Ihnen werden sich an seinen mehrteiligen Fernsehfilm „Heimat“ mit dem kleinen Dorf Schabbach im Hunsrück erinnern - drückt den gleichen Gedanken etwas anders aus:
„Heimat ist immer ein Ort, den man gestalten muss. Sie ist einfach eine Aufgabe. Und dadurch wird ein Ort zur Heimat, dass man sich den Aufgaben stellt, die dieser Ort bereithält. Man kann Heimat nicht einfach vorfinden. Es ist nichts, was man hat. Man muss sie wie die Liebe und alle anderen menschlichen Werte täglich erwerben. Daher ist Heimat nie etwas Festes, sondern etwas, was man sehr leicht verliert, - wenn man uninteressiert wird, wenn man erkaltet.“ (FAZ Abi 02)
Das, was Louise Jacobs und Edgar Reitz hier in allgemeiner Form sagen über die Begriffe Tradition und Heimat, dass sie nichts Statisches, nichts Festes seien sondern eine Aufgabe für die Zukunft, das gilt, so glaube ich, in noch viel stärkerem Maße für das, was wir Lehrer Ihnen, meine Abiturienten/innen, in der Schule vermitteln wollten:
Einmal das Gefühl, dass Sie Wurzeln geschlagen haben in der Welt des Wissens, dass Sie dort ein Zuhause haben; dann aber auch die Erkenntnis, dass diese geistige Heimat nichts Festes, nichts Fertiges, nichts Abgeschlossenes sein kann sondern etwas, das Sie täglich neu erwerben müssen und das Sie schnell verlieren, wenn Sie uninteressiert sind, wenn Sie erkalten, wie Reitz sagt.
Für uns als Schule heißt das, dass wir die Bildung und den Bildungsauftrag der Schule nicht statisch sondern dynamisch interpretieren müssen, und ich möchte das unter zwei Aspekten kurz begründen:
Zum einen explodiert in einer Welt rasanten technischen und sozialen Wandels die weltweit verfügbare Menge an Wissen Tag für Tag in ungeahntem Ausmaß – ein Blick in das Internet genügt. Wer da noch hofft, wie bisher weiter machen zu können oder sogar einmal fertig zu sein, läuft einer Illusion hinterher. Wir können nicht alles neue Wissen aufnehmen und müssen daher immer wieder herausfiltern, welches Wissen für uns und die absehbare Zukunft relevant ist und sein wird.
Zugleich müssen wir erkennen, dass Teile unseres bisherigen Wissens, aber auch unserer mühsam erarbeiteten Qualifikationen immer schneller veralten und irrelevant werden:
- Wer vor 30 Jahren noch stolz darauf sein konnte, alle zweistelligen Zahlen beliebig im Kopf multiplizieren zu können, sieht sich heute von 7jährigen mit dem Taschenrechner gnadenlos ausgepunktet;
- Wer sich vor 15 Jahren fortschrittlich vorkam, weil er die wichtigsten DOS-Befehle am Computer endlich beherrschte, wird von heutigen Computer-Anwendern nur noch mitleidig belächelt;
- Und wer vor 10 Jahren sicher wusste, dass „belemmert“ mit „e“ geschrieben wird, weil ein solcher Zustand nichts mit jungen Schafen zu tun hat, wird sich nach der vorerst letzten Rechtschreibreform dazu durchringen müssen, es doch mit „ ä“ zu schreiben.
Es gibt also in unserer gewohnten Vorstellung von Bildung durchaus Dinge, die überholt sind und gestrichen werden können oder müssen: „Entrümpelung der Lehrpläne“ lautet das Stichwort.
Dabei ist freilich der Mut zum Entrümpeln bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt:
Sie, meine Abiturientinnen und Abiturienten, würden mir aus dem, was Sie für das Zentralabitur lernen mussten, sicherlich schon einiges vorschlagen können. Andererseits habe ich kürzlich irgendwo den zynischen Satz gehört: „Wo will man noch alte Zöpfe abschneiden, wenn alles schon auf Bürstenlänge gekürzt ist?“
Ein wenig scheint die Bereitschaft zum Entrümpeln auch vom Alter abhängig zu sein:
Der Abschied vom intensiven Kopfrechnen und die Zulassung des Taschenrechners im Unterricht der Mittelstufe ist Ihnen, meine Abiturienten und Abiturientinnen, leichter gefallen als einigen Mathematiklehrern und vielen Eltern – dass es nicht ganz ohne Kopfrechnen geht, werden Sie aber wohl auch schon mal festgestellt haben.
Das DOS-Handbuch in die Altpapiersammlung der Landjugend zu geben, fällt Ihnen leichter – wenn Sie überhaupt je Computer-Handbücher benutzt haben – als einem alten Schulleiter, der am liebsten, bevor er ein Blatt wegwirft, noch schnell eine Kopie machen würde.
Und auch bei der neuen Rechtschreibung und ihren diversen Auflagen waren die Schülerinnen und Schüler sehr viel gelassener als die meisten Älteren.
Wie auch immer – es wird in unseren herkömmlichen Lehrplänen etliche Bereiche geben, auf die wir verzichten können oder müssen.
Aber vor dem Streichen muss eigentlich die viel wichtigere Frage gestellt werden, was denn unbedingt bleiben muss.
Was muss ein junger Mensch wissen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein?
Welche Fächer, welche Fachgebiete, welches fachliche Grund- und Orientierungswissen sollte er beherrschen, um ein Studium aufnehmen zu können oder als allgemein gebildet gelten zu können?
Und vielleicht auch: Was ist der Kernbestand unseres abendländischen kulturellen Erbes, das es über die Generationen hinweg zu bewahren gilt?
Ich habe bisweilen den Eindruck, dass die schul- und bildungspolitische Diskussion der letzten 30 Jahre diesen Fragen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat in dem einseitigen Glauben, es käme nur darauf an, das Lernen zu lernen, die Inhalte seien weitgehend austauschbar.
Und so gibt es erst seit wenigen Jahren wieder eine engagierte Diskussion um die konkreten Inhalte der Allgemeinbildung, und manche Kritiker behaupten, dass Günter Jauch mit seinem Fernsehquiz dazu mehr beigetragen habe als alle Kultusminister zusammen!
Inzwischen – der Pisa-Schock hat tüchtig mit geholfen - scheint sich ein Konsens herausgebildet zu haben, dass wieder mehr verbindliche Inhalte eingefordert werden sollten
über die Kerncurricula,
über einen Literaturkanon,
über inhaltlich festgelegte Standards in den 10. Klassen und im Zentralabitur;
- natürlich nicht als ein für allemal festgeschriebene Auflistung, sondern als vorläufige Grundlage, die immer wieder diskutiert und neu bestimmt werden muss. Ich denke, wir sind da auf dem richtigen Wege!
Zu einer dynamischen Interpretation des Bildungsauftrags der Schule gehört aber neben der inhaltlichen Fortentwicklung des curricularen Kerns auch die Vermittlung und Einübung von Methoden, Fähigkeiten und Vorgehensweisen, um neues Wissen erwerben und verarbeiten zu können.
Auch wer ein großes Wissen besitzt, ist im Wissens-Ozean des Internets verloren, wenn er nicht über Suchstrategien verfügt,
wenn er keine Kategorien im Kopf hat, nach denen er Wichtiges von weniger Wichtigem und von Müll unterscheiden kann.
In den Prüfungen des Zentralabiturs konnten Sie feststellen, dass nicht bloß angehäuftes Wissen abgefragt wurde, sondern Sie mussten aus vorgegebenen Texten, Diagrammen und Aufgaben das Wesentliche herausfiltern, die vorgelegten Materialien in Beziehung setzen zu Ihrem vorhandenen Wissen und dies alles dann verarbeiten, darstellen, diskutieren und bewerten.
Kurzum: Sie sollten nachweisen, dass Sie gelernt haben, Ihr Wissen in neuen Kontexten souverän anzuwenden. Und diese Fähigkeiten werden auch in 10, 20 oder 30 Jahren noch nicht veraltet sein.
Ich komme zu einem dritten, wohl dem wichtigsten Aspekt dessen, was wir als Schule Ihnen mitgeben wollten für Ihren Weg in die Zukunft:
Wenn Sie über ein gesichertes Grundwissen und ein exemplarisch vertieftes Schwerpunktwissen verfügen, wenn Sie die grundlegenden Kompetenzen besitzen, sich neues Wissen zu erwerben und damit produktiv umzugehen, dann wird es drittens darauf ankommen, dass Sie auf der Grundlage Ihres Könnens mit Zuversicht und Offenheit Ihre Zukunft in der modernen Welt aktiv gestalten.
Das ist leichter gesagt als getan:
Denn die Welt der Moderne wird von den meisten Sozialwissenschaftlern als eine Risikogesellschaft beschrieben, die zugleich Chancen und Risiken für Sie bereit hält:
Chancen in Technik und Wissenschaft,die bisher ungeahnte Möglichkeiten eröffnen in der Medizin, in der Informations- und Kommunikationstechnologie, in der Nano-Technik und anderswo, aber auch Risiken, angefangen beim nuklearen Inferno von Tschernobyl bis hin zu den kontrovers diskutierten Experimenten der Gentechnologie.
Chancen in der weltweiten Globalisierung, mit Produktivitäts- und Wachstumsgewinnen, die durch eine weltweite Arbeitsteilung die Hebung des Wohlstands und eine Linderung der Armut versprechen, aber auch belastet mit dem Risiko, dass weltweit operierende Finanzgesellschaften gewachsene Strukturen in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt gefährden oder dass internationale Medien mit ihrem Anpassungsdruck die individuelle Prägung der Lebenswelten in den einzelnen Regionen zerstören.
Chancen und Risiken aber auch in der individuellen Lebensgestaltung, in der Familie – patchwork-Familie lautet das Stichwort, im Freizeitbereich, in der Partnerschaft – anything goes, oder auch bei der Berufswahl:
Ich behaupte, dass Sie als junge Abiturienten im Oldenburger Münsterland – für einen Hauptschulabsolventen in Mecklenburg –Vorpommern stellt sich die Situation sicherlich anders dar – große Chancen haben, allen Medienberichten über fehlende Lehrstellen oder die Verschärfung des Numerus Clausus zum Trotz:
Sie können in eine Lehre im dualen System eintreten oder auch ein Soziales Jahr zwischenschalten, eine Berufsakademie besuchen oder eine Fachhochschule,
Sie können in den Grenzen des hochschulinternen Numerus clausus die Hochschule in Vechta anstreben oder die Uni in Freiburg und dabei wählen zwischen einer fast unüberschaubaren Vielzahl von Studiengängen
oder notfalls versuchen, dem NC in Wien, Enschede, Budapest oder Prag ein Schnippchen zu schlagen – Flexibilität ist gefragt!
Trotz dieser Chancen ist Ihre Situation nicht einfacher als in früheren Generationen, denn „wählen können“ heißt auch „wählen müssen“, und das beinhaltet immer auch die Möglichkeit, sich falsch zu entscheiden. Das Angebot von noch mehr Optionen macht die Entscheidung nicht leichter - im Gegenteil, oft führt eine Vielzahl von Angeboten nur zur Verunsicherung und verleitet dazu, Entscheidungen hinauszuzögern.
Wenn Sie, sehr geehrte Eltern, sich bisweilen gefragt haben, warum Ihr Sohn oder Ihre Tochter immer noch nicht erklärt haben, was sie denn nun beruflich machen möchten, und Fragen danach sogar abwehren, dann liegt das nicht an mangelnden Chancen oder am guten Willen, sondern es resultiert auch aus der Besorgnis, sich falsch zu entscheiden, und aus dem Wunsch, sich verschiedene Alternativen möglichst lange offen zu halten.
Entscheidungen hinauszuzögern oder sich gar vor der Entscheidung zu drücken, ist freilich keine Lösung. Wenn Sie nicht in Resignation oder Passivität versinken wollen, müssen Sie offen, aktiv und flexibel an die Berufswahl herangehen!
Und dafür möchte ich Ihnen zum Schluss einen kleinen Hinweis geben, der mit den eingangs zitierten Flügeln zu tun hat, die die Schule Ihnen vermitteln wollte:
Es geht um die Flügel der Hummel: Hautflügler, Hymenoptera, sagen die Biologen – diese pummeligen kleinen Dinger, in der Größe so zwischen Wespe und Hornisse.
Seit den 20er Jahren weiß man, dass Hummeln nicht fliegen können! Verschiedene wissenschaftliche Berechnungen zur Flügelfläche, zum Gewicht und zur Aerodynamik haben eindeutig erwiesen, dass es nach den Gesetzen der Physik nicht geht. Die Hummel weiß aber nicht, dass es diese physikalischen Gesetze gibt, sie fliegt einfach los – und es klappt!
Solche Flügel wünsche ich Ihnen, wenn Sie vor schwierigen, vor unlösbar scheinenden Problemen stehen: Fliegen Sie einfach los, zumal seit 1996 auch im Windkanal geklärt werden konnte, wie die Hummeln es wirklich machen: Nicht das Flattern bringt es, sondern ein bisher unbekannter zylinderförmiger Wirbel an der Flügelvorderseite, der für den nötigen Auftrieb sorgt.
Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, ein Mann, der nicht viel über Hummeln nachgedacht, aber eine eindrucksvolle Lebensleistung vollbracht hat, hat das Gemeinte in seiner pragmatischen Direktheit in einen einfachen Satz gekleidet: „Das Wichtigste ist der Mut!“
Und das ist mein Wunsch für Sie, wenn Sie jetzt in eine Welt der Chancen und Risiken hinausgehen:
Ergreifen Sie Ihre Chancen, das Wichtigste ist der Mut