Die
„Kleinen“ und die „Großen“ - gemeinsam mit „Krabat“ in der schwarzen
Mühle
Im normalen Schulalltag haben 18-jährige Abiturienten und zwölfjährige
Schülerinnen und Schüler nicht viel miteinander zu tun, sie laufen sich
vielleicht auf dem Schulhof über den Weg oder es gibt vereinzelt Kontakt
in schulischen AGs. Die Vorteile der Schule als Ort, in dem
verschiedensten Altersgruppen unter einem Dach miteinander arbeiten
können, hat Dr. Annegret Lösener vom Gymnasium Lohne in Niedersachen
ganz bewusst in ihrem Projekt „Jahrgangsübergreifender
Literaturunterricht“ genutzt. Die Anonymität zwischen den Klassenstufen
wurde aufgebrochen, eine Vernetzung fand statt.
Eine sechste Klasse und ein Grundkurs Deutsch der 13. Klasse liest
Otfried Preußlers Jugendbuchklassiker „Krabat“. Das Buch bietet
vielfältige Herangehensweisen und Lese-Ebenen für verschiedene
Altersgruppen. Die Jüngeren führen ein Lese-Tagebuch über ihre
Eindrücke, die Älteren lesen das Buch mit der Aufgabe, sich zu
überlegen, wie bestimmte Aspekte des Buches im Unterstufenunterricht
vermittelt werden können, also eine Lese-Sicht aus der Perspektive des
Unterrichtenden. Nachdem der erste Kontakt zwischen den beiden Gruppen
über Briefe begonnen hat, finden mehrere Unterrichtseinheiten mit beiden
Altersstufen in gemischten Gruppen statt.
Dazu haben die Abiturienten die Möglichkeit, eine Unterrichtsstunde in
der 6. Klasse zu halten: zu Themen wie „Das Motiv der Mühle in
Volksliedern und Sprichworten“ oder „Zauberei und Magie“. Dies schließt
intensive Vor- und Nachbereitung mit den Lehrkräften mit ein, und die
Schülerinnen und Schüler bekommen so einen Einblick in den Beruf des
Lehrers. Die Unterstufenschülerinnen und -schüler hospitieren in kleinen
Gruppen im Oberstufen-Deutschunterricht und finden das sehr spannend –
und ermutigend, weil längst nicht alles so abstrakt und unverständlich
ist, wie sie im Vorhinein teilweise gefürchtet haben. Sie merken, dass
ihre eigenen Gedanken zum Buch durchaus mit denen der Oberstufenschüler
mithalten können.
Die beiden Altersstufen bereichern sich gegenseitig durch ihre
Herangehensweise. Wichtig für ein solches Projekt ist natürlich die Wahl
der richtigen Lektüre, die für beide Jahrgänge geeignet sein muss. Dr.
Annegret Lösener und ihre Kollegin Kerstin Sieve entschieden sich für
Preußlers „Krabat“, weil es für die Jüngeren einen Sagenstoff mit
fantastischen Zügen bietet, anhand dessen sich Motive wie
„Freundschaft“, „Verantwortung“ „Gemeinschaft“ behandeln lassen, und
weil es für die Älteren die zusätzlichen Ebene erlaubt, das Buch als
allegorische Darstellung des Widerstands gegen ein diktatorisches
Unterdrückungssystem zu lesen.
Auf einer anderen Ebene thematisiert das Buch genau das, was im
jahrgangsübergreifenden Literaturunterricht selbst zum Tragen kommt: in
einer Gemeinschaft, mit den unterschiedlichen Stärken der Individuen,
die sich in eine Projekt einbringen, gelingt es, andere und neue
Entdeckungen zu machen und Ziele zu erreichen, als eine Person (oder
eine Altersgruppe) allein. Die beiden Klassenstufen feierten den
Abschluss ihres Projektes mit einem Mühlenfest, bei dem die „Großen“ für
die „Kleinen“ einen Lernparcours organisierten. Beide Klassenstufen
äußerten sich begeistert über die Unterrichtseinheit und regten an, dass
solch ein jahrgangsübergreifenden Unterricht und entsprechende Aktion
schon zu früheren Zeitpunkten (z.B. in der 11. Klasse) stattfinden
sollten, so dass die Schülerinnen und Schüler noch mehr von den neu
gefundenen Kontakten haben, bevor die Abiturienten die Schule verlassen. |